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Dr. Antje Vollmer |
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I.
Es ist erst wenige Wochen her, da war ich in Jerusalem. Es war
nicht das erste Mal, daß ich die heilige Stadt besuchte.
Ich hatte bei früheren Besuchen die Klagemauer gesehen,
das bedeutendste Heiligtum der Juden. Ich hatte auch schon den
Felsendom gesehen, eines der großen Heiligtümer des
Islam, das dritte nach Mekka und Medina.
Aber dieses Mal
war ich zum ersten Mal in der Grabeskirche, das ist der theologischen
Bedeutung nach vielleicht die zentralste Stätte der Christenheit.
Und was ich da gesehen habe, hat mich ratlos, ja geradezu fassungslos
gemacht. Darüber möchte ich heute mit Ihnen sprechen.
Die Grabeskirche
in Jerusalem war - ihrer großen Bedeutung nach - immer
Ausdruck des Wunsches gewesen, eine endgültige und vollkommene
und in sich geschlossene Formensprache für den einzigartigen
Inhalt zu finden, den sie behütet und schützt. Es gab
verschiedene Vorkirchen des heutigen Kirchbaus, von der Basilika
der konstantinischen Zeit bis zu der bedeutenden Kathedrale der
Kreuzfahrerzeit. Der heutige Kirchenraum in seiner schrillen
Kakophonie aber ist ein einziges Dokument der Zerrissenheit der
Christenheit.
Er ist damit
auch ein historisches Dokument der unendlichen Spaltungsgeschichte
des Christentums. Jeder hat da seine eigene Ecke, die Franziskaner
und die Kopten, die Orthodoxen und der Vatikan, die Anglikaner
und vermutlich auch die Protestanten - die habe ich nicht einmal
ausmachen können im lauten bunten Gemisch von Farben und
Formen.
Und nichts paßt
zueinander. Alle Kunstrichtungen und alle Formen der Frömmigkeit
sind hier auf engstem Raum miteinander im Gedränge der nicht
endenwollenden Pilgerströme.
Dabei entsteht
keine Harmonie, keine Vielfalt der Stimmen. Jeder einzelne Ort
für sich nämlich nimmt nicht auf den anderen Bezug,
nimmt keine Rücksicht, antwortet nicht. Er behauptet sich
: W i r sind auch da, wir verteidigen unseren Anteil! Ein Trauerspiel
an einem Ort, der eigentlich die gemeinsame Trauer der Christen
um ihren Herrn bekunden sollte.
Nicht genug damit
- seit neuestem ist ein weiteres Stilelement hinzugekommen, das
mir wie ein Symbol für sich vorkommt - wenn auch ganz anderer
Art.
Lange war die
Kuppel, die sich über dem eigentlichen Grab wölbt,
mit Leitern eingerüstet gewesen. Sie brauchte eine Renovierung
und Ausgestaltung, aber der gemeinsame Rat der gemeinsamen Kirchenverwaltung
konnte sich nicht einigen. Bis eines Tages ein Amerikaner kam
- so erzählte man mir, vielleicht ist auch das schon eine
Legende -, der 1 Million Dollar dafür anbot, die Kuppel
ausmalen und gestalten zu lassen. Aber es müsse sehr schnell
geschehen.
Und so begab
es sich, daß die Kuppel gestaltet wurde. Sie trägt
jetzt einen dicken sternzackig geformten Ring, der aussieht wie
aus Gips oder Styropor und fettig golden glänzt wie ein
dickes Stück Weihnachtsgebäck. Und der Architekt oder
Designer, der das gestaltet hat - so sagte man mir, vielleicht
ist auch das eine Legende - hatte bisher Malls, die großen
Einkaufszentren der amerikanischen Vorstädte, gestaltet.
Es war sein erster Versuch an einer Kirche.
Auch in dieser
Kirche wird gebetet, werden Messen gelesen, werden Gelübde
abgelegt, wird gepredigt, wie in anderen Kirchen auch, vielleicht
sogar noch inniger und inbrünstiger, so schien es mir. Und
doch ist diese Kirche mehr. Sie ist ein Spiegel. Sie sagt etwas
über die Rolle und die innere Verfaßtheit der Christenheit
am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt aus.
Ich glaube, so
wie wir uns selbst dort ein Abbild unserer selbst gegeben haben,
können wir nicht einmal das nächste Jahrhundert bestehen.
II.
Eine zweite Geschichte möchte ich Ihnen erzählen. Zwei
Tage später konnte ich, ebenfalls in Jerusalem, im Refektorium
der Benediktiner an einem interreligiösen Dialog teilnehmen,
der mich sehr beeindruckt hat. Vertreten in diesem kleinen Kreis
waren zwei Rabbis (übrigens ein Optimist und ein pessimistischer
Realist), ein deutscher lutherischer Probst und ein palästinensischer
protestantischer Pfarrer, ein orthodoxer Bischof, ein Vertreter
der Benediktinerabtei und ein islamischer Scheich, der zu den
Sufis gehört.
An einer Stelle
des Gespräches gab es eine Möglichkeit, über den
Schock zu reden, den ich in der Grabeskirche erlebt hatte. Wie
kann das sein, sagte ich, daß der Islam in dem Felsendom
ein Heiligtum von fast überirdischer Schönheit geschaffen
hat, daß das Judentum mit der Klagemauer einen Ort gefunden
und gestaltet hat, in dem für Juden wie Nichtjuden die ganze
Geschichte Israels spontan erfahrbar wird und daß das Christentum
so grandios scheitert, seinen wichtigsten Ort gemeinsam zu gestalten?
Ach, sagte der
Sufi, Sie müssen die Grabeskirche einfach mit dem Herzen
betrachten. Kirchen muß man mit den Herzen betrachten und
nicht mit den Augen. Ich mache das bei jeder Kirche so.
Und da hatte
er auf einmal recht, viel mehr als meine kritischen Augen.
III.
Eine dritte Geschichte. Gerade in diesen Tagen fand in New York
ein Treffen der großen Führer der Weltreligionen statt.
Es war die Idee von Kofi Annan, des Generalsekretärs der
Vereinten Nationen, gewesen.
Er sagte: Es
reicht nicht, wenn sich die Chefs der Regierungen und die Außenminister
treffen, um die Ordnung der Welt des dritten Jahrtausends zu
entwerfen. Also entwickelte er so etwas wie einen Vierklang,
einen Kanon der Organisationen der Welt: Neben den Regierungschefs
waren die Präsidenten der Parlamente, die Vertreter der
NGOs, der Zivilgesellschaften eingeladen. Und schließlich
lud er eben die Führer der Weltreligionen ein, wohl wissend,
daß diese über die Frage von Krieg oder Frieden in
der Geschichte der Menschheit oft Endscheidenderes mitzureden
hatten als viele Regierungen.
IV.
Damit bin ich bei der Frage, die ich mit allen drei Vorgeschichten
schon längst mitgemeint habe: Sind die Christen eigentlich
auf die Aufgaben vorbereitet, die uns das neue Jahrhundert und
Jahrtausend stellt?
Kann das eigentlich
angehen, daß wir immer noch in der Form, in der Sprache
und in dem Institutionswirrwarr existieren, die Jahrhunderte
und Jahrtausende an Lehrstreitigkeiten, Kirchenspaltungen, Reformationen,
Ketzer- und Hexenvertreibungen, Religionskriegen und Kreuzzügen,
Kolonialismus und Missionsgeschichte uns hinterlassen haben?
Von allen großen
Weltreligionen ist das Christentum derzeit wohl diejenige Religion,
die im Inneren am schwächsten, am unsichersten und am wenigsten
ihrer eigenen Zukunft gewiß ist.
Das spürt
man besonders im Umgang mit dem Islam - nicht nur, wenn man mit
einem Sufi-Scheich spricht, der die Botschaft des kleinen Prinzen
ins Religiöse zu übersetzen versteht. Daß der
Westen - und besonders das in der Hinsicht ganz und gar von Europa
geprägte Amerika - den Islam so sehr fürchtet, hat
sicher mit vielen rationalen und politischen Gründen zu
tun. Aber nicht zuletzt ist es Ausdruck eines wirklichen Unterlegenheitsgefühls.
Dem Westen gehen die Religionen verloren. Und damit eine Kraft,
aus der heraus sich die Gesellschaft anders und verbindlicher
definiert, aus der sie einen Teil ihrer Tradition und der allen
gemeinsamen Werte definiert. Und nicht zuletzt geht ihnen damit
eine Botschaft und ein Brausen von einem tieferen Sinn der Welt
verloren, nach dem viele Menschen eine Sehnsucht haben.
Als er ganz und
gar diesseitig wurde und den Weg der Moderne bis zuletzt ausschritt,
wurde dieser Westen, der die Leitkultur der Globalisierung darstellt,
auch ganz und gar endlich. Das macht das Gefühl eines Verlustes
aus, bei allem Weltgewinn, der ja nicht zu leugnen ist.
V.
Ich glaube, dieses richtige Gefühl und das Wissen darum,
daß wir Christen in der Verfaßtheit, die uns das
Bild der Grabeskirche wiederspiegelt, derzeit noch gar nicht
richtig mitreden können im Dialog der Weltreligionen, muß
ernsthafte Konsequenzen haben.
Wir müssen
wirklich anfangen, größere und mutigere Schritte zu
tun.
Zumindest müssen
wir energischer an der Einheit der christlichen Kirchen arbeiten,
als das in den letzten zehn Jahren passiert ist.
Lassen Sie uns
ein ernsthaftes Ziel ins Auge fassen: Bis zum Jahre 2025 nach
Christi Geburt, also 500 Jahre nach der letzten großen
Kirchenspaltung zwischen Katholiken und Protestanten, an der
Europa fast verblutet wäre, 500 Jahre später muß
es wenigstens diesen Zusammenschluß in einer einzigen christlichen
Kirche wieder geben.
Und wenn sie
nicht von oben kommt, von den Kirchenführern, dann muß
sie von unten kommen, aus den Gemeinden.
Sie kann auch
gar nicht aus den Lehrmeinungen und ex Kathedra kommen, so wichtig
die Vereinbarungen über die Rechtfertigungslehre sind.
Die Welt spricht
heute keine theologische Sprache mehr, sie spricht eine Weltsprache
gemeinsamer Zeichen.
Ein Zeichen der
Einheit der Christen wäre, wenn sie, aus welcher Kirche
auch immer sie kommen, wenn sie ganz selbstverständlich
das Abendmahl gemeinsam feiern, und zwar genau in der Form, die
in der jeweiligen Kirche gerade dargeboten wird. Ich mache das
seit langem. Ich bin nie zurückgewiesen worden.
Die Christen
sollten sich ganz offensiv gegenseitig in ihren Kirchen besuchen,
die Gebräuche und Regeln der anderen Bekenntnisse mitmachen
und diesen dadurch das Unterscheidende und Trennende nehmen.
Der erste ökumenische Kirchentag in Deutschland, der 2003
stattfinden wird, wird ganz sicher ein Meilenstein auf diesem
Wege sein. Wir werden uns kennenlernen, und wir sollten ab dann
sehr viel mehr zusammen tun, als die Führungen der Kirchen
uns allen bisher zutrauen.
Ich meine das
ganz ernst: Wenn das Datum 2025 einigermaßen realistisch
ist, hätten wir dann noch 22 Jahre. Wir könnten es
noch erleben.
VI.
Ja, wird man einwenden, aber da gibt es nun die Erklärung
von Kardinal Ratzinger. Das ist doch ein großer Schritt
zurück.
Klar ist er das.
Aber was sagt das gegen ein "wanderndes Gottesvolk",
wenn es erst einmal aus Ägypten mit seinen sicheren Häusern
und seinen Fleischtöpfen aufgebrochen ist?
Die Erklärung von Kardinal Ratzinger scheint mir
1. sehr stark
nach innen, in die römische Kurie hinein gesprochen zu sein.
Wenn das stimmt und wenn sie gar nicht vorrangig für uns
gedacht war, warum soll sie uns so sehr schrecken? Sie redet
ins Haus hinein, sie redet eigentlich gar nicht mit der Welt,
wie sie wirklich existiert;
2. scheint sie
die Begriffe Mission und Dialog zu vertauschen. Der Gestus der
Mission entsprach einem euro- und abendländisch zentrierten
Weltbild. Im Zeitalter der Globalisierung gibt es keine Alternative
mehr zum Dialog.
3. Wenn Kardinal
Ratzinger den protestantischen Kirchen den Kirchencharakter im
Sinne eines römisch-katholischen Kirchenverständnisses
abspricht, dann denke ich an das, was der SUFI-Scheich gesagt
hat: Was eine Kirche ist, das sieht man nur mit dem Herzen, nicht
mit der Brille des apostolischen Lehrstuhles.
VII.
So mit dem Herzen betrachtet, rückt aber das Bild eines
deutschen Kardinals in Rom, der sein untergehendes Lehrgebäude
verteidigt, merkwürdig in den Hintergrund und ein anderes
Bild schiebt sich in den Vordergrund.
Ein immer schwächer
werdender Papst redet fast nur noch mit den Armen und den Jugendlichen
dieser Erde, und er redet von Zukunft.
Ein gebrechlicher
Papst sucht selber den Dialog der großen Religionen dieser
Welt.
Ein Papst steckt
einen Brief in die Ritzen der Klagemauer, mit dem er Gott um
Vergebung bittet für das Versagen der Christen und der christlichen
Kirchen den Juden gegenüber.
Die Lehre von
der Unfehlbarkeit hatte Protestanten und Katholiken immer getrennt.
Weiter in der praktischen Aufhebung der Lehre von der Unfehlbarkeit
kann ein Papst nicht gehen.
Man muß
nur die Sprache und die Bilder richtig deuten. Ich glaube, dieser
Papst hat in seiner Weltpraxis seinen Vatikan längst verlassen.
Als einer der
ersten unter den religiösen Führern hat er die Globalisierung
- und übrigens auch die Weltmediensprache - ganz ernst genommen.
Vielleicht hat er früher als andere begriffen, daß
die globalisierte Welt eine ganz andere Sprache und eine ganz
andere Dimension von Verantwortung der großen Religionen
abruft als wir alle ahnen.
Und wer weiß: vielleicht wird der Papst, der im Jahre 2025
an jenem großen Zusammentreffen teilnehmen wird, das die
große Spaltung der Christenheit überwindet, schon
aus dem afrikanischen Kontinent kommen, während sein Kollege,
der Generalsekretär des Weltkirchenrates, aus China kommt.
Und sie beide werden gemeinsam einen Kardinal als scharfzüngigen
Berater ernennen, der noch in Castros Kuba geboren wurde, das
es dann auch schon lange nicht mehr gibt.
Es ist jedenfalls
keine Zeit für zu kurze und zu enge Blicke auf die Zukunft
der Christen. |