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Der
Stein im Reichstag - Auftaktveranstaltung
Rede
von Dr. Antje Vollmer, MdB
Vizepäsidentin des Deutschen Bundestages
zur Pressekonferenz "Wer wird den Stein wegrollen?"im
Andachtsraum des Reichstages
(Es gilt das gesprochene Wort), Berlin, 31.01.2001
Sehr geehrte Frau
Tiemann,
sehr geehrte Frauen der Arbeitsgemeinschaft Frauenseelsorge,
Sie alle begrüße ich hier im Reichstag stellvertretend
für die vielen Frauen (und auch Männer), die es ermöglicht
haben, diesen Stein durch ganz Deutschland zu rollen. Seien Sie
uns herzlich willkommen im Andachtsraum des Reichstages, im Sitz
des Deutschen Bundestages.Seit dem vergangenen Ostermontag bereits
sind Sie mit Ihrem Projekt bundesweit unterwegs, um in jeder
Diözese, in der Sie Station machen, Diskussionen anzuregen.
In den Mittelpunkt dieser Veranstaltungen haben Sie das Thema
der Markus-Überlieferung gerückt: "Wer wird den
Stein wegrollen?"Als ich zum ersten Mal von diesem Projekt
gehört habe, war ich sofort sehr angetan - und das, obwohl
die Idee doch wirklich ein bisschen verrückt klingt: Schließlich
leben wir in den Zeiten des schnellen Reisens mit ICE und Flugzeug,
in der Ära von e-mail-Kommunikation, wöchentlich wechselnden
Top-Themen in Fernsehen und Presse. Nicht nur die Berufswelt,
sondern alle Lebensbereiche unterliegen dem Diktat von Tempo
und Effizienz, das oft genug auch in die privaten, familiären
Refugien eindringt. Wer sollte da eine solche "Zeitverschwendung"
betreiben, sich diesen Anachronismus leisten, einen riesigen
Stein mithilfe vieler Helfer kreuz und quer durch Deutschland
zu bewegen, mit einem enormen zeitlichen und technischen Aufwand,
nur, um Denkanstöße zu liefern? Hätte es ein
zeitgemäßeres Life-Chat im Internet denn nicht auch
getan?Nein, das hätte es nicht, lautet Ihre entschiedene
Antwort. Sie haben sich stattdessen ans Werk gemacht, Ihrer Idee
praktische Konturen zu verleihen. Es lässt sich leicht vorstellen,
wie viel Energie aufzuwenden war, wieviel Überzeugungsarbeit
zu leisten, wie viele Steine aus dem Weg zu räumen, wie
viele Mitstreiterinnen zu gewinnen waren, um dieses ausgefallene,
ganz besondere Projekt des rollenden Grabsteines und seiner Botschaft
in vielen Städten zu verwirklichen.Damit haben Sie sich
selbst als die glaubwürdigsten Botschafterinnen Ihres Anliegens
bewährt: Sie wollen den Menschen Mut machen, Ziele, von
denen sie überzeugt sind, mit Phantasie und Hartnäckigkeit
zu verfolgen, sich nicht von den kleinen und großen, den
schier unüberwindbaren "Grab-Steinen" davon abhalten
zu lassen, nicht vor Widrigkeiten zu verzagen, bevor die Aufgabe
in Angriff genommen ist.Die Belohnung der Frauen im Evangelium
dafür, dass sie auf ihrem Weg zum verschlossenen Grab des
Jesus nicht umkehrten, war eine unverhoffte, eine nicht kalkulierbare.
Das unüberwindbar geglaubte Hindernis, dem ihre Sorge galt,
war beseitigt, einfach so, ohne ihr Zutun. Sie, die gekommen
waren, den Leichnam einzubalsamieren, erfuhren stattdessen als
erste die Botschaft von der Auferstehung Jesu. Wann trauen wir
uns heute zu, an einen guten Ausgang eines Problems zu glauben,
obwohl alle stringenten Regeln der Problemlösung bereits
versagt haben? Wann halten wir, wenn alle Rituale der internationalen
Diplomatie ausgeschöpft sind, bei einem langwierigen kriegerischen
Konflikt voller Hass auf beiden Seiten trotzdem an der Hoffnung
auf eine Lösung fest? Einer Hoffnung, die wieder Energie
verleiht, neue Ideen, neue Schritte zur Versöhnung zu wagen.
Sie haben nicht nur in Deutschland den "Stein ins Rollen
gebracht", Sie unterstützen mit Ihrer Reise durch das
Land auch eine Frauenorganisation in Jerusalem, welche genau
dieser Mut auszeichnet. Das Projekt "Women Advocating for
Peace" in Jerusalem ist ein Projekt von Frauen, die sich
weigern, Steine des Unverständnisses für unverrückbar
zu halten. Das Engagement dieser jüdischen, arabischen,
christlichen und moslemischen Frauen gilt dem Versuch, Steine
der gegenwärtigen Fremdheit, der Verletztheiten aus dem
Weg zu räumen und durch ihre Begegnungen gemeinsame Wege
des künftigen Lebens in friedlicher Nachbarschaft zu entdecken
und zu ebnen. Der augenblicklichen Unversöhnlichkeit zwischen
ihren Völkern zum Trotz leiten Israelinnen und Palästinenserinnen
ihr Projekt gemeinsam in paritätischer Besetzung. Dass Sie
den Weg des Steins durch Deutschland mit der Unterstützung
der Anwältinnen für den Frieden in Jerusalem verknüpfen,
finde ich ganz ausgezeichnet. Weil im Nahen Osten die Gräben
wieder so tief geworden, die Steine so in Bewegungslosigkeit
erstarrt sind, so viele Familien auf beiden Seiten von Trauer
über Angehörige wie gelähmt erscheinen, deshalb
ist die Arbeit der Frauen in Jerusalem so wichtig. In Israel
heute den Dialog zwischen Frauen unterschiedlicher religiöser
und politischer Herkunft, zwischen Frauen verschiedener sozialer
Herkunft und verschiedener Generationen herzustellen und zu fördern,
dieser Vorsatz erscheint mir nicht minder großartig, schwierig
und unverzichtbar zu sein als das Vorhaben der Frauen auf dem
Weg zum Grab Jesu. Wenn wir das Projekt "Wer wird den Stein
wegrollen?" nun für einige Zeit im Andachtsraum des
Reichstages beherbergen, so freut mich dies aus zwei Gründen
besonders. Auch dieser Andachtsraum hier wurde geplant in der
Absicht, das Gemeinsame, Verbindende der Religionen und Überzeugungen
zu betonen. Jede Konfession kann sich, mit ihren jeweiligen Insignien
und Schriften, an diesem Ort zum Gottesdienst versammeln, ohne
von einer anderen dominiert zu werden. So hat auch der Künstler
versucht, einen Beitrag zum toleranten Miteinander, zur religiösen
Verständigung zu leisten.Der zweite Grund liegt darin, dass
dieses Parlament und die deutsche Öffentlichkeit in den
vergangenen Wochen erlebt haben, wie schnell Gräben wieder
aufreißen können und sich zu vertiefen drohen, die
längst überwunden schienen. Gräben zwischen politisch
Andersdenkenden, zwischen Generationen, innerhalb einer Generation
Ost- und Westdeutscher, zwischen Menschen, die außer ihren
Überzeugungen tief erlebte Kränkungen und Verletzungen
aus den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts voneinander
trennten und trennen. Der Stil dieses Streites ließ das
Niveau einer sachlich begründeten, menschlich fairen oder
zumindest korrekten Auseinandersetzung innerhalb der Grenzen
von wechselseitigem Respekt zum Teil vermissen. Die Gefahr für
die politische Kultur in unserer Republik besteht darin, dass
der erreichte breite Konsens der bürgerlichen Mitte über
Liberalität ohne Not gefährdet wird durch persönliche
Verletzungen. So können neue langwierige Kränkungen
und damit: neue Steine bei der Entwicklung und Verteidigung der
toleranten Demokratie entstehen. Deshalb danke ich Ihnen dafür,
dass Sie uns den "Stein vor die Füße gerollt
haben" - möge er uns daran erinnern, dass wir die Probleme
des Landes nur im gemeinsamen Ringen der Demokraten um die sachlich
besten Argumente lösen können - nicht, indem wir uns
steinige Hindernisse in den Weg legen. |
Dr.
Antje Vollmer zur Überwindung der Konfessionsgrenzen
Wer wird den
Stein wegrollen?
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