Dr. Ingeborg Tiemann, Foto:KNA
Das bundesweite
Projekt der Frauenseelsorge "Wer wird den Stein wegrollen?"
im Andachtsraum des Reichstags (Es gilt das gesprochene Wort)
Sehr geehrte
Frau Vizepräsidentin,
sehr geehrte Damen und Herren von den Medien,
dieser Stein,
den wir soeben mit mehreren Frauen in den Andachtsraum des Reichstags
gerollt haben, steht im Mittelpunkt eines Projekts, an dem sich
seit Ostern letzten Jahres an vielen Orten Deutschlands tausende
von Frauen beteiligten. Bis Ostern diesen Jahres wandert dieser
800 kg schwere Stein durch die Bundesrepublik. Insgesamt wird
er ca. 6.200 km unterwegs sein. Einen Großteil seines Weges
hat er bereits hinter sich, wenn er heute im Reichstag angekommen
ist.
Zur Idee des
Projekts:
800 kg wiegt
dieser Stein, ein in der Tat gewichtiger Stein. - Konnten wir
es uns nicht leichter machen? Wozu diese Mühe?
Nein, wir können es uns nicht leichter machen. Denn bei
der Frage "Wer wird den Stein wegrollen?", die von
Frauen gestellt wird geht es um eine Frage von Gewicht. Frauen
- sehr viele Frauen - kennen die Erfahrung: Es gibt unüberwindbar
scheinende "Steine" - im persönlichen Leben, in
der Gesellschaft, in der Politik, in der Kirche, zwischen
Kulturen und Religionen. Frauen erleben "Steine" auf
ihrem Weg, die von der Energie des Lebens abschneiden, die von
der Kraft zur Hoffnung trennen.
Die Frage "Wer
wird den Stein wegrollen?" trägt die ganze Last von
dem, was unüberwindbar zu sein scheint. Gleichzeitig jedoch
liegt im Stellen dieser Frage der Beginn einer Veränderung,
das Vertrauen darin, dass es Verbündete geben wird. Dafür
kann der Stein Katalysator sein.
Zum Stein:
Der Stein stammt
aus dem Heiligen Land, aus einem Steinbetrieb nahe Bethlehem.
In der Dombauhütte Köln wurde er bearbeitet und mit
dem Schriftzug versehen. Der Stein ist den Rollsteinen nachempfunden,
die zur Zeit Jesu zum Verschluss von Gräbern benutzt wurden.
Solch ein Stein spielt eine zentrale Rolle in der Ostergeschichte,
wie sie der Evangelist Markus erzählt. Er berichtet, dass
drei Frauen aus dem Volk am frühen Ostermorgen auf dem Weg
zum Grab Jesu die Frage stellten
"Wer wird den Stein wegrollen?". Sie erwarteten, dass
ein Stein ihnen den Zugang zum Grab versperren würde. Bis
hierhin ist dies eine Geschichte von Angst, von Blockade, von
Steckenbleiben in der Verzweiflung, im Unbeweglichen. Doch dann
- als die Frauen dennoch weitergehen und sich nicht schrecken
lassen von scheinbarer Perspektivlosigkeit, machen sie die Erfahrung:
Es gibt Befreiung. Diese Geschichte lohnt die Erinnerung. Ihre
Erinnerung kann eine Ressource sein für Frauen heute - sie
kann vielleicht eine Kraft mobilisieren wider die spirituelle
Verarmung, wider die Verarmung an Hoffnungen, an
Utopien.
Zu den bisherigen
Erfahrungen des Projekts
Tausende von
Frauen sind bis heute dem Stein begegnet, bisher an fast 30 Orten
überall in Deutschland, auf dem Land und in Städten,
auf Plätzen und in Messehallen, auf der Expo, in Kathedralen
und Klöstern. Um nur einige Zahlen zu nennen: Zu Veranstaltungen
auf der Landesgartenschau in Singen kamen ca. 4.000 Frauen, zu
einem ökumenischen Tag im Kloster Frenswegen an der niederländischen
Grenze 1.500 Frauen. Überall, wo der Stein war, fanden Veranstaltungen
statt, die von der örtlichen Frauenseelsorge in vielfältiger
Kooperation: mit Frauenverbänden, ökumenisch, in Zusammenarbeit
mit Gleichstellungsstellen und anderen Einrichtungen nach je
selbst gewählten Schwerpunkten ausgerichtet wurden. Die
Themen umfassen das gesamte Spektrum des Lebens von Frauen: von
persönlichen Lebens- und Beziehungsgeschichten bis hin zur
Sorge um die Bedrohung der Umwelt, Bündnisse wider den Frauenhandel
wurden gesucht, Frauenarmut wurde und wird zum Thema gemacht,
an anderem Ort wurde der &qout;steinerne Weg von Frauen zur
Macht" diskutiert, unter dem Stichwort "Global Sisterhood"
wurden Schritte zur Solidarisierung unter Frauen zwischen verschiedenen
Kulturen und
Religionen getan. Überall regte der Stein dazu an innezuhalten,
an vielen Orten mündete die Auseinandersetzung mit dem Stein
darin, dass Frauen sich in ihrem Engagement verbündeten.
Ein anschauliches
Beispiel hierfür ist das Berliner Programm der Veranstaltungen
rund um den Stein, das nach der Zeit im Reichstag am 3. März
in der Katholischen Akademie beginnen wird und im Anschluss eine
weitere Station in der Sophienkirche in Berlin-Mitte hat. In
Berlin wird es eine Mahn- und Gebetswache vor dem Abschiebegefängnis,
eine Veranstaltung wider die Genitalverstümmlung an Mädchen
und Frauen, ein Frauenpolitisches Forum zur Frauenarmut geben,
um nur Einiges zu nennen.
Zu unserem Partnerinnenprojekt
Mit den Veranstaltungen
zum Stein unterstützen wir das Projekt aus dem Heiligen
Land "Women Advocating for Peace". "Women Advocating
for Peace" fördert die Verständigung zwischen
Palästinenserinnen und Israelinnen, zwischen christlichen,
jüdischen und moslemischen Frauen. In langfristig angelegten
workshops arbeiten die Frauen miteinander an Wegen der Verständigung
untereinander - eine Arbeit an Steinen, deren Schwere kaum zu
überbieten ist, wie die Politik der letzten Wochen zeigt.
Wir bitten um Spenden für dieses Projekt und bauen selbst
eine langfristige Partnerschaft mit den Frauen
von "Women Advocating for Peace" auf.
Zum Stein im
Reichstag
Viele, ja vielleicht
die meisten der "Steine", die Frauen an diesem Stein
zum Thema gemacht haben, haben einen erkennbaren Zusammenhang
mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir erwarten nicht,
dass diese oft harten Brocken schnell weggeräumt werden.
Auch haben wir hierfür kein Programm. Der Stein ist eine
Herausforderung, sich in der
Spannung von Kontemplation und Aktion der Hoffnung zu vergewissern,
dass Erstarrtes wieder in Bewegung geraten kann.
30 weibliche
Abgeordnete des Deutschen Bundestags haben sich bisher mit dieser
Frage auseinandergesetzt. Ihre Texte zu der von uns angestoßenen
Frage: "Wie ein Stein in Bewegung kommt" finden Sie
während des Aufenthalts des Steins - also vom 31.Januar
bis zum 2. März 2001 - im Internet unter: www.der-stein.de.
Während
des Aufenthalts des Steins im Reichstag werden wir zum Thema
des Steins zu einem Gottesdienst für Abgeordnete und Angestellte
des Deutschen Bundestags einladen.
Frau Dr. Vollmer,
Ihnen danke ich an dieser Stelle sehr herzlich dafür, dass
Sie das Projekt in das Präsidium des Deutschen Bundestages
eingebracht haben und durch beharrliches Nachfragen dafür
gesorgt haben, dass der Stein nun hier im Andachtsraum stehen
kann.
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