Der Stein im Reichstag


Wie ein Stein in Bewegung kommt - Gedanken die anstossen


Steinei

Schon als Kind mochte ich Steine. Am besten gefielen mir die glatten, sienabraunen "Handschmeichler", die mit den hellen und dunkleren Einsprengseln, die so glatt und kühl in der Hand liegen und sich darin allmählich so mit Wärme aufladen, dass sie sich schließlich anfühlen wie ein noch nestwarmes Ei. In gewisser Weise sind Ei und Stein für mich zwar Antipoden, aber auch Geschwister. Hier das Ei als weicher, warmer und neuer Lebenskeim, zerbrechlich und nur durch eine dünne Schale geschützt. Dort der Stein, in urzeitlichen chaotischen Entwicklungsprozessen entstanden, materialisierte Erdgeschichte, steinhart, kalt und abgeschlossen.
Seit 30 Jahren begleitet meine Schreibtischarbeit ein besonders schönes faustgroßes, lößbraunes Exemplar, das ich damals auf einem Feldweg gefunden habe. Ich habe mir also einen Stein zur Begleitung meiner Arbeit gewählt, bei der ich täglich auch kleine und große Steine aufheben, einbauen, umgehen, bearbeiten, mühsam klein mahlen muss - wo ich mich an Steinen stoße, mir eine blutige Nase hole oder über einen stolpere, immer wieder zwischen den vielen Wegstrecken, wo es dann auch wieder ganz flott und leicht vorangehen kann bis hin zu den seltenen und fast unheimlichen Etappen, wo man das Gefühl hat, über Wasser zu gehen.
"Wer wird den Stein wegrollen?", fragen sich die drei Frauen im Morgengrauen auf dem Weg zum Grab Jesu. Sie hätten nie die Erfahrung des offenen Grabes gemacht, wenn sie sich nicht trotz aller Trauer und Ohnmacht mitten in der Nacht zusammen auf den Weg gemacht hätten.

 

Christa Nickels  
Christa Nickels, MdB Bündnis90 / Die Grünen  


zur Startseite | Reichstag | 1.Woche | 2.Woche | 3. Woche | 4. Woche

Wer wird den Stein wegrollen?