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Dr. Ingeborg Tiemann
Sterne - Steine
- Stolpersteine
Steine werden zum Weg
Ökumenischer
Frauentag im Kloster Frenswegen bei Nordhorn
am 9. Juni 2000
19.00 Uhr - 20.00 Uhr Tagesabschluss
Dieser Tag ist ein Ereignis. 1300 Frauen
aus 6 Konfessionen sind hier. Ich denke, wir haben heute eine
Idee davon bekommen, wieviel Kraft und Lebendigkeit sich entwickeln
kann, wenn viele Frauen ihre Erfahrungen und ihre Visionen teilen
und vor allem, wenn sie dabei ganz bewusst die Grenzen des Gewohnten,
der eigenen Konfession überschreiten. Es gibt bisher noch
nicht viele Gelegenheiten, Ökumene so geerdet und zugleich
inspirierend
wie hier zu erleben. Den Initiatorinnen dieses Tages für
diese Erfahrung schon jetzt herzlichen Dank. Ich empfinde es
als Ehre, hier als katholische Frau den Tagesabschluss mit Ihnen
zugestalten. Und ich freue mich sehr, dass es dieser Stein ist
- der im Mittelpunkt des bundesweiten Projekts der katholischen
Frauenseelsorge zur Jahrtausendwende steht - dass es dieser Stein
ist, der zum Kristallisationspunkt für dieses grosse ökumenische
Ereignis wird.
Ein Stein, 800 kg schwer, mit blosser Körperkraft
nicht zu bewegen. Wenn ich ihn anfasse, berühre, seine Kanten,
Schichtungen und Muscheleinschlüsse ertaste, spüre
ich unmittelbar:
Der erste Blick trügt. Der Stein ist keineswegs homogen.
Manches in ihm passt nicht zusammen. Im Verborgenen hat er viele
Identitäten. Und doch fügt sich alles ein in ein Ganzes.
Ich möchte Ihnen davon erzählen,
wie dieser Stein zum Stein der Frauenseelsorge wurde. Doch nein,
so ganz stimmt das nicht: Er ist keineswegs ein katholischer
Stein. Denn er hat einen ökumenischen Kern, von Anfang an.
Die Ökumene, die hier heute passiert, hat sehr viel mit
diesem Stein zu tun. Von 6 Spuren im Stein will ich sprechen.
Und wenn Sie in der Zahl 6 die Zahl der hier versammelten Konfessionen
wiedererkennen, so ist dies kein Zufall. Denn: In der christlichen
Symbolik ist die Zahl 6 eine äusserst kreative Zahl. Sie
ist die Zahl der Schöpfungstage, hiermit auch ein inspirierendes
Bild gemeinsamer
Schaffenskraft. 6 Spuren im Stein - Spuren des Projekts, zugleich
Spuren, die durch die ökumenische Zusammenarbeit heute sich
tiefer eingekerbt haben.
Ich stelle nun unser Projekt vor, verschränkt mit den Erfahrungen
dieses Tages.
1. Spur im Stein: Die
Idee
Warum dieser Stein? Konnten wir es uns
nicht leichter machen? - Nein, die Frage, die wir in den Stein
gemeisselt haben, ist eine Frage von Gewicht.
Eine der Samenkörner dieser Idee war die "Ökumenische
Dekade Solidarität der Kirchen mit den Frauen 1988-1998".
Die theologische Inspiration für die Dekade, waren die Frauen
im Oster-Evangeliums des Markus, die sich die Frage stellten:
"Wer wird den Stein wegrollen?" In der Ökumenischen
Dekade ging es darum, dass die Kirchen bereit werden, - wie es
die indische Theologin Aruna Gnanadason sagte - den "patriarchalen
Steinen" zu widerstehen. Der Stein stand hier für Steine,
die Frauen im Weg liegen. Doch ging es letztlich nicht um eine
Frauenfrage. Es ging und geht im tiefsten Sinn um die ekklesiologische
Frage der Erneuerung der Kirchen.
Aus den workshops:
Anknüpfend an die ökumenische
Dekade haben Frauen es durchgesetzt, dass in ihrer Kirche einmal
im Jahr ein "Sonntag in Solidarität mit Frauen"
begangen wird, bei dem die Gestaltung der Gottesdienste eine
besondere Rolle spielt. In Gesprächen des workshops zeigte
sich, dass gerade im Bereich der Gestaltung von Gottesdiensten
noch viele Steine liegen, vor allem auch in der römisch-katholischen
Kirche.
Ein weiteres Thema der Ökumenischen Dekade, das in einem
workshop Schwerpunkt war, ist die Gewalt gegen Frauen. Bemerkenswert
ist, dass sehr viele Frauen an diesem workshop teilnahmen. Und
dass viele von ihnen sehr persönlich davon erzählten,
dass sie Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben. Dies ist also
keineswegs ein Minderheitenproblem. Etwas von dem was Solidarität
bedeutet, wurde darin deutlich, dass die Teilnehmerinnen eine
Decke gestalteten, auf die sie von ihnen beschriftete Sterne
hefteten. Diese Sterne, beschriftet mit eigenen stärkenden
Erfahrungen nehmen die beiden workshop-Leiterinnen mit zu Frauen,
die einem Frauenhaus leben, als Botschaft der Verbundenheit,
die von hier ausgeht. |
Der Stein trägt diese Spur in sich:
Frauen werfen die Frage nach den Steinen in der Kirche auf. Und:
Frauen sind bereit, die Steine der Ökumene zu bearbeiten.
Diese Arbeit ist ziemlich anstrengend, das Ergebnis entspricht
vielleicht nicht dem Schönheitsideal einer durchgestylten
Welt. Doch es ist lebendig.
2. Spur im Stein: Das
Land der Bibel
Der Stein stammt aus der Nähe von
Bethlehem, einem zerrissenen Land, dem Land der Bibel. Er kommt
aus einem Land, in dem solche Steine als Waffe benutzt werden,
geworfen gegen Menschen, die als Feinde erlebt werden. Aber:
Solche Steine werden auch zum Bau von Häusern benutzt, werden
zu Ecksteinen, die tragen. Im Heiligen Land arbeiten sich Frauen
an den schweren, unüberwindbar scheinenden Steinen ab. Sie
tun das, was die grosse Politik nicht schafft: Dialog trainieren,
das bedeutet harte Arbeit, Geduld, Relativierung des eigenen
Standpunkts, Leidenschaft und politische Klugheit. Sie bauen
ein Haus der Gerechtigkeit.
Aus den Erfahrungen
des Tages:
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Im Gottesdienst haben wir, verbunden
mit der Bitte um das tägliche Brot um Frieden, Gerechtigkeit
und Vertrauen gebetet. Dies ist das, an dem die Frauen des von
uns unterstützten Projektes arbeiten. Hiermit fühlen
wir uns solidarisch. Wir freuen uns, dass unsere Verbundenheit
auf der Basis der Gegenseitigkeit geschieht: Die Frauen aus Palästina
schicken uns die Ansteck-Tauben, die wir hier ausgeben, eine
Botschaft des Friedens, Zeichen des Hl. Geistes. Und wir helfen
ihnen, dass die Ecksteine zum Haus des Friedens gesetzt werden
können. Und dies geht nicht nur symbolisch, sondern erfordert
auch die Unterstützung finanzieller Art. |
Der Stein trägt auch diese Spur in sich:
die Gewissheit, dass es keine unüberwindbaren Steine zwischen
den Religionen und Kulturen gibt. Für uns die Botschaft:
Wach werden, aus der Bequemlichkeit der eigenen Nische ausziehen.Voneinander
nicht lassen.
3. Spur im Stein: Steinmetz-Arbeiten
Von den Steinmetzinnen und Steinmetzen
der Dombauhütte Köln, die dem Stein seine Gestalt gaben,
konnten wir lernen, wie es geht, grosse Steine zu bearbeiten:
beharrlich dranbleiben - nicht ausblenden, was sich nicht einfügen
will. Und: Der Stein lebt, sagte ein Steinmetz. Die Arbeit am
Stein ist immer ein Risiko, sagt er auch: Aber wir haben die
Gewissheit, dass es möglich ist, dass die Arbeit gelingt.
Aus den workshops:
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Als Kind haben wir darauf insistiert, dass
es möglich ist, Steine in Bewegung zu bringen. Wenn wir
beobachten, wie Kinder mit Steinen umgehen, so können wir
von ihnen lernen, dass in jedem Stein Leben ist. Kinder locken
im Spiel das Leben aus den Steinen hervor. Dies war hier in einem
workshop erfahrbar, in dem Frauen durch das Formen mit Ton auch
ihre eigene Kindheit wiederentdeckten. In einem anderen workshop
wurde an die Kraft der Träume erinnert, die uns in symbolischer
Sprache zeigen, was möglich ist. Nicht zuletzt auch die
Girlande, die Frauen zum Schmuck des Steines geflochten haben,
weist auf das Leben hin, das aus Versteinerungen hervorbricht. |
Der Stein trägt auch diese Spur in
sich:
Jeder Stein, sei er noch so hart, hat in sich Leben. Darauf insistieren,
dass in jeder Versteinerung das Leben ist = ein Stern lebt in
jedem Stein.
Und: Der Stein zwischen den Konfessionen zwingt uns, innezuhalten,
genau hinzuschauen, drängt uns zu Achtsamkeit
4. Spur im Stein: Die
Osterfrauen
Ich zitiere die Botschaft der Auferstehung
und ich erzähle das Leben. - Wie hier im Gottesdienst das
Markus-Evangelium. Die Osterfrauen - 3 Frauen für viele.
Sie rufen nach der Ostererfahrung: Die Frage ist mehr ein Ruf
der Sehnsucht als eine Frage. Bei der Auftaktveranstaltung ging
es uns um die Ambivalenz: Wer wird wegrollen? - Sie sahen, er
war schon weggerollt Dieser Umschlag in das Unerwartete - er
ist immer möglich. Die Osterfrauen geben uns die Gewissheit:
Der Stein, der auf der Seele liegt und die Luft zum Atmen abschnürt,
er wird weichen.
Aus den Erfahrungen dieses
Tages:
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Bischöfin Käsmann hat im Gottesdienst
die galiläischen Frauen "Hoffnungszeuginnen" genannt.
Sie verkörpern eine Vision, die Kraft und langen Atem gibt.
Die Bischöfin hat auch von jenem Stein gesprochen, den Frauen
erleben, die ihren Verkündigungsdienst nicht umfassend tun
können. Doch: Das verstehen wir aus der Geschichte der Osterfrauen:
Die Botschaft der Befreiung ist stärker. In der Tradition
der Osterfrauen und der "grossen" Frauen der Kirche,
die wir kennen, stehen wir. In einem workshop, in dem über
Steine im Lebensweg gesprochen wurde, zeigte sich nicht nur,
wie eng Lebens- und Glaubensgeschichte verwoben sind. Auf die
Frage: Was gibt Kraft? wurde u.a. die Antwort gegeben: Die Botschaft
des Ostermorgens gibt Kraft, Distanz zu den persönlichen
Steinen zu finden.
In einem anderen workshop wurde darüber
nachgedacht, wie wir zu "lebendigen Steinen" werden
können. Über die Assoziationskette "heilig-heilen"
kam die Einsicht: Wir, die wir als "lebendige Steine"
gesandt sind, sind selbst heilig.
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Die Spur im Stein:
Das Evangelium ist unser gemeinsamer Eckstein, der unser Haus
in der Ökumene zusammenfügt und hält. Die Tradition
der Osterfrauen, der Frauen des Evangeliums, treibt uns gemeinsam
voran, gibt uns den langen Atem, die Steine und die Kirchen zu
bewegen.
5. Spur im Stein: Ort
des Erzählens
Die Markus-Erzählung von Ostern ist
eine unausgeschöpfte Geschichte. Er geht uns voraus - die
Botschaft weitersagen - jede hat der Welt etwas zu sagen. Wir
müssen immer wieder über unsere dunklen Steinerfahrungen
(Steine, die auf der Seele lasten) und über unsere Sternstunden
sprechen, als es so war, als öffne sich der Himmel (himmlische
Steine). Es geht um Bewusstheit, Steine verlieren Gewicht, wenn
sie erkannt werden. Es geht um die Geschichten von Gottferne
und Gottnähe. Es geht darum "im Stein zusammen zu schweigen",
wie Rose Ausländer sagt. Es geht um das Miteinander Beten
(= sich nicht abfinden), um Trauerarbeit, um Schuld, um das Unerledigte
Aus den workshops:
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In überfüllten Gruppen (z.B. 75
Frauen!) wurde über die erfahrenen Steine "von Herz
zu Herz" gesprochen, so wurde so mancher Leid-Stein zu einem
Troststein. Voneinander lernen war möglich. "Noch nie
versuchte ich es", sagte eine Frau in ihrer Gestaltungsarbeit
mit Ton - sie formte den originellsten Stein! Das unmöglich
Scheinende wurde möglich. Es gibt auch ein "Schweigen
am Stein", das Stärke bedeutet, wie Bischöfin
Käsmann am Beispiel der "Frauen in Schwarz" erwähnte.
Was nicht das Schweigen meint, das angstvoll die Kehle verschliesst.
Dieser Stein des Schweigens muss zum Ort des Sprechens werden. |
Spuren im Stein:
In den Ohnmachtserfahrungen und in den Glückserfahrungen
von Frauen liegt ein grosser Schatz. Wir müssen ökumenisch
voneinander die je anderen Sprachen lernen. "Schwerer werden,
leichter sein" - wie Celan es schrieb, das ist die Chance
in einem solchen Erzählen, auch zwischen den Konfessionen
an den Steinen, die zwischen uns liegen.
6. Spur im Stein: Kein
Ort - überall
Ein Stein, der wandert. Mit diesem Gewicht.
Es ist möglich, ihn zu bewegen = eine Hoffnung. Doch auch:
Wo ist der Ort? Kann es sein, dass viele Frauen es heute für
sich so empfinden, dass die Kirchen kein Ort für sie sind,
wo sie Gott finden? An vielen Orten: Messehalle - Expo - Gartenschau
- Reichstag - Kathedralen - Plätze. Überall kann der
Ort der Gotteserfahrung sein.
Aus den workshops:
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Oft waren es die sogenannten "grossen
Frauen" der Kirchengeschichte, die Aussenseiterin waren,
die Gott an ungewöhnlichen Orten erfuhren. In einem workshop
über Lebenswege historischer und heutiger Frauen wurde dies
erfahrbar. |
Die Spur im Stein:
"Gott war da und ich wusste es nicht" (Jakob stellte
Stein auf). Helfta, neue Bundesländer, wird der endgültige
Ort sein = steht für Tradition der Frauen, für die
Herausforderung der säkularen Gesellschaft, für die
Kraft der Frauen zum Neuanfang Aufbruch - Steine werden zum Weg
All diese Erfahrungen, die schweren Steine,
die unüberwindlich scheinen, und die schönen Steine,
in denen das Licht der Auferstehung aufblitzt, drängen danach
gesehen und erzählt zu werden. Keiner dieser Steine ist
zu unscheinbar, zu hässlich, zu düster oder etwa auch
zu schön.
Ja, mehr noch: "Reih aneinander den Stein, die Funken springen",
dichtete Rose Ausländer. Gerade dann, wenn die Steine nicht
isoliert sind, sondern sich berühren, zusammengefügt
werden zu einem Ganzen, kann sich das Unvorhersehbare ereignen:
kann sich Trauer in Kraft, Ohnmacht in Stärke verwandeln.
Viele Steine fügen sich zu einem Weg.
Der Weg wird vielfältig und bunt sein. Ein Weg der lebendigen
Steine. Ein Bild der Ökumene, wie Frauen sie gestalten:
Mit beiden Füssen auf dem Boden der Erfahrungen, arbeitend,
singend, betend, tanzend.
Sicherlich: Es wird neue Steine geben im
Weg, zwischen uns und vor uns, Steine, die uns kleinmütig
machen und straucheln lassen. Doch wir wissen durch die 3 Frauen
aus Galiläa, die mit uns auf dem Weg sind: Die Botschaft
der Befreiung ist stärker.
Viele Steine fügen sich zu einem Weg.
Wenn wir es wollen. Wenn wir es tun.
Wir tun es. Wir legen jetzt mit den von Ihnen mitgebrachten Steinen
den Anfang unseres gemeinsamen Wegs der Ökumene.Unsere lebendigen
Erfahrungen sollen das Pflaster dieses Weges sein: Steine, die
für die dunklen Seiten unseres Lebens stehen wie Steine,
die die Glücksmomente symbolisieren.
Ritus zum Legen eines Weges
mit Steinen
Segensbitte
Ich bitte Sie aufzustehen. Wir wollen gemeinsam
um den Segen Gottes bitten:
Gott, mit uns auf dem Weg.
Um Deinen Segen bitten wir auf diesem Weg, auf dem wir die ersten
Schritte getan haben.
Deine Kraft stärke uns, wenn wir auf mühseliger Strecke
zaudern.
Deine Liebe halte uns, wenn wir stürzen.
Deine Weisheit sei uns Ratgeberin, wenn der Weg uns vor Augen
verschwimmt.
Der Geist der Ruach inspiriere uns, lebendige Steine zu sein,
füreinander und auf dem Weg der Ökumene.
Gottes Segen befreie uns, uns Frauen und
Männer und Kinder, Ebenbilder Gottes.
Amen. |