Landesbischöfin
Dr. Margot Käßmann
Predigt beim Ökumenischen
Frauentag im Kloster Frenswegen
am 9. Juni 2000 zu Markus 16, 1-8
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern,
drei Frauen, ein Stein, ein Engel und die
Angst. Das sind die zentralen Themen unseres Textes für
den heutigen Tag. Lassen Sie uns also den Text mit Blick auf
diese vier Punkte miteinander anschauen. Als der Sabbat vergangen
war, kauften Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus,
und Salome
wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und
sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als
die Sonne aufging.
Drei Frauen, Maria und Salome und Maria. Wir hören, was
sie am Morgen nach dem Sabbat tun. Der zweite Morgen also "danach".
Aber wie war eigentlich der Tag nach dem Tod Jesu? Über
diesen Sabbat wissen wir nichts. Wir können ihn nur erahnen,
ihn uns vorstellen. Der Tag danach, der Tag, an dem ein tiefes,
finsteres Loch entsteht. Jesus ist tot. Alle Hoffnung dahin,
der Freund, der Mann, der ihnen Hoffnung gegeben hat, wurde gekreuzigt
wie ein Verbrecher. Der Tod scheint das Ende aller Hoffnungen
zu sein.
Das kennen Frauen. Das kennen Frauen in Kriegen, das kennen die
Mütter, die Ehefrauen, die Töchter. Tod. Ende. Der
Tod stürzt uns in die tiefsten Gräben, in die wir geraten
können. Der Tod als das Ende aller Hoffnung. Wie haben sie
diesen Sabbat verbracht? Den Sabbat der Hoffnungslosigkeit. Frauen
haben eine unglaubliche Energie. Stellen wir uns das vor! Einen
Tag im tiefen Loch und am nächsten Tag nehmen sie ihre Pflicht
wieder auf. Salben wollen sie den Leichnam, teures Öl haben
sie beschafft, viel Geld dafür werden sie nicht gehabt haben.
Aber diese letzte Pflicht an diesem Mann, den sie alle auf ihre
Weise geliebt haben, diesen Freund, diesen Bruder, diesen letzten
Dienst, diese Pflicht gegenüber einem Menschen, den wir
lieben, die wollen sie erfüllen.
Solche Frauen haben oft die Geschichte weitergetragen. Frauen,
deren Liebe über alle Zerstörung, über alle Hoffnung
hinaus ging. Als Abiturientin hat mich in dieser Beziehung Frau
Buber-Neumann unglaublich beeindruckt. In ihrem Buch "Zwischen
Hitler und Stalin" hat sie beschrieben, wie Frauen im Gulag
und im Konzentrationslager ihre Hoffnung bewahrt haben. Sie hat
beschrieben, wie Frauen die kostbare Margarineportion in ihr
Gesicht verschmierten, um schön zu sein. Sie beschrieb,
wie sie in einem Zug saßen von Rußland gen Westen
und alle hofften, dies würde die Befreiung bedeuten. Als
die Türen der Güterwaggons geöffnet wurden, standen
die Nazi-Schergen vor den Türen und jagten die Menschen,
dem Gulag entkommen, ins Konzentrationslager. Die meisten Männer,
so sagte sie, sind daran zerbrochen.
Aber Frauen haben eine Hoffnung, die auch
in kleinen Portionen leben kann. Sie kennen Liebe, die auch Scheitern
und Enttäuschung überdauert. Frauen können überleben,
weil ihr Lebenswille so stark ist. Ob Mütter oder nicht,
ich glaube, dass die grundsätzliche Gebärfähigkeit
der Frauen etwas damit zu tun hat. Sie wissen um die Kostbarkeit,
Verletzbarkeit des Lebens. Maria und Salome und Maria, sie haben
das Dunkel durchwatet und nun sind sie auf dem Weg am Morgen,
sehr früh, sie werden kaum geschlafen haben. Und die Sonne
geht auf. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns
den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden
gewahr, dass der Stein weggewälzt war! Denn er war sehr
groß.
Ja, wer wird denn den Stein davon wälzen?
Sorgen machen sich Frauen immer wieder. Und Steine gibt es genug
in ihrem Leben! Mich beschäftigt in diesen Tagen vor allen
Dingen der Frauenhandel. Die Nachfolgekonferenz von Peking zeigt,
wie wenig sich für die Frauen positiv geändert hat.
Je miserabler die ökonomische Situation eines Landes, desto
massiver leiden Frauen. Und in Westeuropa, einer der besten ökonomischen
Situationen der Welt, gibt es versteckt und verborgen einen Frauenhandel,
der 400.000 Frauen in die Zwangsprostitution zwingt. Ein tabuisiertes
Thema! Nein, wir sprechen nicht darüber, dass eine Milliondeutscher
Männer pro Tag eine Prostituierte aufsuchen! Niemand fragt,
woher diese Frauen sind. Viele wissen nicht, wohin. Und auch
die EXPO in Hannover wird Zwangsprostitution in der Folge nach
sich ziehen. Das sind Steine, die ein Leben wahrhaftig belasten
können, die es niederdrücken, zerquetschen. Aber wir
kennen auch andere Steine. Frauen, die an ihren Ehen verzagen.
Frauen, die sich zurückgesetzt fühlen im Beruf. Frauen,
die ihren Wert, ihre Kompetenz nicht anerkannt sehen. Frauen,
die bis zur Selbst zerstörung hungern, um einem vermeintlichen
Schönheitsideal zu entsprechen. So ist das bei uns. Aber
wir brauchen nur den Blick zu weiten über unsere Grenzen
und wir sehen die Frauen, die in Polen sterben an illegalen Abtreibungen,
die Frauen, die verbluten durch Genitalverstümmelung, ihr
Leben lang gezeichnet sind. Frauen, die geprügelt werden,
vergewaltigt werden im Krieg. Die Protestaktion "Frauen
in schwarz", das Stumme, das Schweigen gegen die Gewalt
gegen Frauen, vielleicht ist es das sichtbarste Zeichen, das
Frauen setzen können. Schweigen gegen Gewalt! Aber der Stein
war weggewälzt! Sie wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt
war! Kennen Sie das, dieses überschäumende Gefühl
der Freiheit? Die Schranke ist gar nicht da? Andere helfen, den
Weg frei zu räumen? Es gibt Solidarität, es gibt Gemeinschaft.
Es gibt eine Leichtigkeit des Seins, eine Freude, eine Fröhlichkeit
im Miteinander, in der die Steine nicht mehr sichtbar sind, weggewälzt.
Und das dürfen wir nicht übersehen:
inzwischen ist auch mancher Mann beteiligt am Wegwälzen
um einer erneuerten Gemeinschaft von Frauen und Männern
willen. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling
zu rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand
an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt
euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er
ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte,
wo wir ihn hinlegten. Ein Wunder. Er ist gar nicht da. Die göttliche
Botschaft, sie wird in der Bibel oft durch einen Engel über
tragen. Schon Maria hat das erfahren, als ihr die Geburt eines
Sohnes angekündigt wurde. Nein, er ist nicht da. Er wurde
aufgerichtet. Sie erfahren das und sie begreifen das. Er ist
auferstanden. Ja, er wurde aufgerichtet, wie es im Griechischen
heißt. Nein, er ist eben nicht tot, er ist nicht am Ende.
Die Welt ist nicht am Ende, weil Gottes Geschichte über
das, was wir sehen und erfahren, hinausgeht. Können Sie
sich die Frauen vorstellen? Plötzlich ist es alles ganz
anders als erwartet! Wir stehen vor einer Frage. Wir stehen vor
einer Hoffnung und wissen nicht, wie zu deuten ist, was wir sehen.
Er ist nicht hier.
Manchmal denke ich, die Frauen haben so treu zur Kirche gestanden
durch die Jahrhunderte, weil sie viel sensibler für das
sind, was unser Sehen und Erfahren übersteigt. Die Wirklichkeit
ist viel größer als das, was wir sehen und ertasten
können. Die Wirklichkeit, sie wird bestimmt auch durch die
Liebe. Wer wollte die
Liebe definieren, in Worte packen, begrenzen? Oder die Hoffnung?
Er ist aufgerichtet. Er ist auferstanden.Die Hoffnung, sie geht
über all das, was wir sehen, hinaus. Solche Hoffnungszeuginnen
sind Frauen durch die Jahrtausende gewesen. Geht aber hin und
sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen
wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch
gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn
Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem
etwas; denn sie fürchteten sich. So endet das Markusevangelium
in der ursprünglichen Fassung. Sie fürchteten sich!
Und wie beginnt die Geschichte? Der Engel sagt: "Fürchte
dich nicht!" zu Maria. Und wieder fürchten sie sich.
Entsetzen und Zittern ergreift sie. Die Frauen spüren, dass
dort etwas geschehen ist, was die menschliche Erfahrung übersteigt.
Mir sind diese Verse sehr wichtig. Zunächst: die Frauen
werden geschickt zu den Jüngern und auch zu Petrus, dass
sie erzählen von dem, was sie erfahren haben. Wer wollte
Frauen da noch sagen, dass sie nicht in die Verkündigung,
nicht zum Priesteramt geschickt sind? Wo ist das biblische Zeugnis,
das das bestreitet? Frauen sind die ersten Zeuginnen der Auferstehung
in allen Evangelien. Sie sind die ersten, die gesandt werden
zu berichten, zu verkündigen. Mit etwas Humor könnten
wir natürlich fragen: Welches Recht haben Männer zur
Verkündigung? Aber das ist mir etwas zu platt. Frauen und
Männer sind gesandt, zu berichten von dem, was sie erfahren,
erlebt haben, was sie glauben. Die Frauen werden gesandt zu den
Jüngern. Aber: zunächst fürchten sie sich so sehr,
dass sie schweigen. Sie sagen niemandem etwas. O ja, solches
Schweigen aus Angst hat schon mancher Frau den Mund ver
schlossen. Die frohe Botschaft ist verschlossen in ihren Kehlen.
Erst als sie Bestätigung erfahren, das sagt uns die wesentlich
spätere Fortsetzung des Evangeliums, erst später haben
sie den Mut. Es geht um solche Ermutigung. Den Mut zur Hoffnung
haben, dass der Stein weggerollt werden kann. Den Mut haben,
ihn vielleicht selbst wegzurollen. Den Mut haben, davon zu sprechen,
was ich glaube. Den Mut, meinen eigenen Wert zu erkennen. Den
Mut, davon zu reden, was ich denke und was ich glaube. Diesen
Mut müssen sich Frauen immer neu erkämpfen. Und zwar
vor allen Dingen im Kampf mit sich selbst. Ich denke mir, Maria
und Salome und Maria, aber auch Susanna und andere, sie werden
sich zusammen getan haben und diesen Mut gefunden haben. Meine
Erfahrung ist, dass diese Ermutigung Frauen sich gegenseitig
zusprechen können. Und diese Frauen müssen den Mut
gefunden haben, von ihrem Glauben zu reden - sonst wäre
nach der Auferstehung die Geschichte abgebrochen. Das Zeugnis
wäre verstummt. Es lag an dem Mut der Frauen, ob die Auferstehung
zum Zeugnis wurde.
Liebe Schwestern, der Stein ist weggerollt.
Wir sind zur Freiheit befreit. Jesus hat uns gezeigt, wie wir
vor Gott gleichermaßen geliebt sind. Mann und Frau sind
zum Ebenbilde Gottes geschaffen. Gott ist weder männlich
noch weiblich, sondern Gott ist uns Mutter und Vater zugleich,
in Gott vereinigt sich das Beste, was Männer und Frauen
zu geben haben. Das Evangelium ist eine Mutmachgeschichte für
Frauen. Lasst uns das wahrnehmen. Der Stein ist weggerollt. Nun
sollten wir das Beste geben, was wir haben, um Zeuginnen
dieses Evangeliums, dieser frohen Botschaft in unserer Zeit zu
sein.
Amen.
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