| Nein,
es war kein Zurück in die Steinzeit, zu verkrusteten
und "versteinerten" Lebensbedingungen
von Frauen, auch wenn es die politisch notwendige
Erinnerung daran bei der einen oder anderen Veranstaltung
im Rahmen des Projektes der Frauenseelsorge "Wer
wird den Stein wegrollen?" im Bistum Essen
gab.
Nein, die "Stein-Zeit" in Duisburg war
viel mehr eine Zeit des Aufbruchs und der Befreiung,
ausgehend von der Botschaft im Markus-Evangelium:
"Er ist auferstanden."
Frauen machten diese Erfahrung persönlich oder
als Gruppe bei den verschiedenen Veranstaltungen;
z.B. bei der Auftaktveranstaltung "Steintot?
Nein, wir leben!" Die tänzerische Enthüllung
des Steins ließ schon gleich zu Beginn der
"Stein-Zeit" erahnen, dass Auferstehung
manchmal mitten im Tag auf der "Baustelle"
des eigenen Lebens, im Leben mit vielen anderen
Frauen und Männern geschieht. Der Auftritt
einer Frau als Maria von Magdala, die von ihrer
Begegnung mit Jesus erzählte, machte die ZuschauerInnen
nachdenklich und gespannt. Aus "Steinhaufen"
errichteten die Tänzerinnen Tische, auf die
Wein und Brot gestellt wurden. So entstand Bewegung
unter der buntgemischten Gästeschar, es wurden
Gespräche an den Tischen geführt und immer
wieder auf die manchmal melancholische, aber dann
auch wieder heitere Musik der Gruppe "Di grine
Kuzine" aus Berlin gehört.
Der "Stein"
aus Israel mitten in Duisburg auf dem Wieberplatz,
auf einem Platz, der für den Strukturwandel
im Ruhrgebiet steht, faszinierte seitdem die Frauen:
z.B. bei den täglichen Meditationen beim "Atem
holen am Stein". Frauen erkannten für
sich persönlich oder für Frauen in Kirche
und Gesellschaft, dass die Kraft zur Veränderung
aus dem Glauben an die österliche Botschaft
und auch aus der unbedingten Solidarität von
Frauen für Frauen erwächst.
Dies wurde eindrucksvoll
sichtbar und erlebbar, als ca. 500 kfd-Frauen aus
dem gesamten Bistum Essen sich zur "Abendwallfahrt"
trafen. Sie alle hatten sich zum "Stein"
aufgemacht mit den Fragen "Wer rollt uns den
Stein des Hasses, der Armut, der Krankheit, der
Verkrustung und Erstarrung, der Arbeitslosigkeit
weg?" An markanten Stellen um den "Stein"
am Wieberplatz, z.B. an der alten Duisburger Stadtmauer
oder in der Nähe der Synagoge bedachten Frauen
diese Fragen. Ihre Antworten brachten sie beim Wortgottesdienst
am "Stein" und in die anschließende
Eucharistiefeier ein, zur gegenseitigen Ermutigung.
Der "Stein"
aus Israel bewegte in Duisburg Frauen und Männer
z.B. bei der Anfertigung eines Fußbodenmosaikes
im Eingang des Katholischen Stadthauses. Unter Anleitung
des Künstlerpaares Güllenstern/Kuhn legten
sie ihren "Stein" in den Fußboden,
der sie an verschiedene Stationen, z.B. überstandene
Krankheiten, Ängste und Verluste in ihrem Leben
erinnerte. Ein Fußbodenmosaik, ein "neuer
Weg", gepflastert aus Steinen, die Men-schen
aus ihrem Lebensweg geräumt haben, wird so
eine bleibende Erinnerung an die "Stein-Zeit"
in Duisburg.
Manche "Steine"
im Leben der Frauen und Männer werden liegen
bleiben oder sind jetzt noch nicht ganz wegzurücken,
oder vielleicht nur ein kleines Stück. Das
wurde z.B. deutlich in einem Gespräch zwischen
christlichen und muslimischen Frauen. Der Austausch
über "Engel" führte dazu, die
Religion und die damit verbundene Lebensweise der
anderen Frauen näher kennenzulernen. Der neugesponnene
Gesprächsfaden wurde weiter geknüpft -
über die "Stein-Zeit" hinaus.
Ein "Stein"
aus Israel - im Mittelpunkt der Begegnungen und
Gespräche von Frauen und Männern im Anschluss
an den Film "Truman-Show" oder beim Bemalen
von "Steinen" unter spiritueller Anleitung
des Malers H. Hunecke oder aber beim Gespräch
mit der Bürgermeisterin von Dinslaken - warf
Fragen nach dem persönlichen Leben, aber auch
immer wieder nach den Leben von Frauen weltweit
auf, die heute noch nicht zufrieden-stellend beantwortet
werden können. Aber in den Gesprächen
wurden Anstöße gegeben, die jede(r) für
sich oder in der Gruppe und in Verbänden aufgreifen
kann, um daran mitzuarbeiten, die "Hindernisse"
aus dem Weg zu räumen, die Gerechtigkeit und
Freiheit besonders für Frauen jetzt noch weltweit
verhindern.
Die Faszination des
"Steins" erspürten viele und wollten
ihn nicht mehr loslassen - so geschehen beim bewegten
Abschlussgottesdienst, in dem auch der "Stein"
verabschiedet wurde. An einem strahlenden Herbsttag
erschien selbst der "Stein" noch schöner,
als Frauen und Männer in einem weiten Kreis
um ihn herum ihre Deutungen zur Frage "Wer
wird uns den Stein wegrollen" am Ende einer
feministischen Bibelwerkstatt einander weitersagten:
tänzerisch, instrumental, mit Bildern und Frauen-Lebens-Gedichten.
Auch Sumaya Farhat-Naser, die Initiatorin des Frauenfriedensprojektes
in Palästina, war per Foto mit am "Stein",
um diese gemeinsam erlebte Überzeugung auch
nach der "Stein-Zeit" in Duisburg immer
wieder wirksam werden zu lassen:
"Manchmal feiern wir mitten am Tag, mitten
im Streit, mitten im Tun ein
Fest der Auferstehung ... ."
Mechtild Jansen |