Mein Vater war im Krieg, - irgendwo in Rußland. Ich konnte mich kaum an ihn erinnern.
Unsere Wohnung in Fulda war ausgebombt, so waren meine Mutter und ich zur Großmutter in die Rhön gegangen. Mein Großvater war selbständiger Schreinermeister. Aber die Schreinerei stand still. Mein Onkel und die Gesellen waren im Krieg, und den Großvater hatte man abgeholt. Seine Äußerungen gegen das Naziregime waren "angezeigt" worden.
Die Großeltern hatten auch eine kleine Landwirtschaft, die nun meine Mutter und die Großmutter betrieben.
Ich fürchtete mich vor Tieffliegern und zitterte bei Fliegeralarm. Die Großmutter war beim Code "Paula Ulrich 3" nicht zu bewegen in den vorgesehenen Keller zu gehen; sie ging zu den Kühen in den Stall. "Die lassen sich davon nicht verrückt machen; ihre Ruhe gibt auch mir Ruhe", sagte sie.
Im Herbst wurden "Scheckchen" und "Fanny" vor den Pflug gespannt; Oma führte sie in der Spur und die Mutter hielt den Pflug. Das Feld sah nicht so akkurat aus wie beim Großvater, aber es war sauber umgepflügt.
Wenn der Winter vorbei war, wurde die Aussaat geeggt, - und dann ging ich mit der Großmutter über die Felder, um die Steine aufzulesen. Wie die Oma hatte ich eine blaue Schürze um. in der wir die Steine sammelten. War die Schürze voll, gingen wir zum Steinrücken und schichteten unsere Steine darauf. Diese Steinrücken waren die Abgrenzung zum nächsten Feld das talwärts lag.
Abends war unsere "Schicht" gut zu erkennen, denn diese Steine waren noch rot von der Erde, die anderen waren schon ausgewaschen.
"Wer hat mit so einem Steinrücken angefangen und warum legt man die Steine so aufeinander?", wollte ich wissen. "Die Steine wachsen aus dem Boden. So lange hier Wiesen gemäht werden und Felder umgepflügt werden, werden hier die Steine aufgelesen und auf Reihen geschichtet. Wenn manchmal ganz heftiger Regen kommt, können wir hier die eigentlich schon gestopften Kartoffeln wieder auflesen und neu auf dem Feld verteilen. Die Erde wird nicht weiter ins Tal geschwemmt. Hier habe ich auch schon mit meiner Oma Steine gelesen, und jetzt machen wir beide das", erklärte sie mir.
Wie immer, wenn wir auf dem Feld waren, richteten wir uns nach dem Glockengeläut aus dem Tal. Mittags war es dann Zeit eine geschützte Ecke aufzusuchen, um das Mitgebrachte aus dem Korb zu verzehren. Mit dem Abendgeläut gingen wir nach Hause ins Tal. Für die Mutter wurde noch die Kanne mit frischem "Börn" gefüllt, dem Brunnenwasser vom Berg.
Ich habe noch den Geruch der frischen Erde in der Nase und erinnere mich noch an das tiefe Gefühl der Befriedigung, mit Oma eine wichtige Arbeit getan zu haben.
Die Felder da oben erreichte der Krieg nicht. Die Steine wuchsen wie jedes Jahr aus dem Boden, die Steinrücken wurden wieder etwas höher.
Abends, wenn ich alleine im Bett lag, kroch die Angst wieder hoch, denn die Sirenen waren meistens nachts losgegangen. Aber meine Großmutter saß an meinem Bett, erzählte mir Märchen und sang Kirchenlieder, bis ich eingeschlafen war. |