Betrachtungen
zur Bibelstelle


 Der Text und eine erste Annäherung

 März:
Unter Schreien und Schmerzen zur Nachfolge geboren

 April:
Meditation zu Mk 16,1-8

 Mai:
Wer wird uns den Stein vom Grab wegrollen? …

 Juni
Gedanken zur "Schutzengelaktion" von missio

 Juli
Einmal werden die Steine leicht auf unseren Gräbern liegen ...

 August
Gemeinsam auf dem Weg

 September
Interpretation zu Mk 16,1-8

 Oktober
Die Frauen am Grab - Wenn ein Stein ins Rollen kommt

 November
Die Frauen am Grab

 Dezember
Wer rollt den Stein vom Grab weg? - "Spiritualität des Nichtaufgebens"

 Januar 2001
Nachdenkliches zu Mk 16,1-8

 Februar 2001
Wer wird den Stein wegrollen?
Brief von Maria von Magdala

 März 2001
Der Stein und das Diakonat der Frau

 April 2001
Mein Weg mit
Markus 16, 1-8

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  Wer wird den Stein wegrollen?
Ich möchte Sie einladen, sich auf einen Brief einzulassen, den Maria aus Magdala, eine der Frauen, die am leeren Grab Jesu waren, an uns geschrieben haben könnte.

Liebe Leserinnen und Leser,

Ob ich es alleine gewagt hätte, zum Grab zu gehen?
Tot war der, der mich verstanden hat, der mich ernst genommen hat, der mir Würde und Leben gab! So gut es tat, mit Gleichgesinnten zum Grab zu gehen, so schmerzlich war es auch, auf dem Weg zu sein zum Grab, um das, was uns kostbar, wertvoll und teuer war, zu salben und die Ehre zu erweisen.

Jede von uns hing ihren eigenen Gedanken nach. Wir verstanden uns ohne Worte und fühlten uns im Schweigen miteinander verbunden. Plötzlich brach aus einer von uns die Frage heraus: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" Es wunderte keine von uns. Es war die Frage, die uns allen auf dem Herzen lag, die jede von uns bewegte. - Wer wird uns den Stein wegrollen, der uns den Weg zu Jesus versperrt? Und im Gehen füllten sich meine Augen mit Tränen.

So, wie der Stein den Zutritt versperren würde, so lastete die Angst auf meiner Seele. Die Angst vor der Begegnung mit dem toten Jesus. Unumstößlich vor Augen zu haben: Es ist vorbei. Die Angst davor, dass das Neue und Lebendige im meinem Leben mit ihm begraben war. Ich erinnerte mich in Liebe daran, dass mir niemals jemand so nahe war. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er mich besser kennt als ich mich selbst. Er traute mir mehr zu als ich selbst und alle anderen, die ich kannte. Das machte einen neuen Menschen aus mir. Ich lernte es anzunehmen, dass ich etwas wert bin, dass meine Stimme zählt, dass ich alte und lieb gewonne Gewohnheiten und Sicherheiten loslassen kann. Das ermutigte mich, Neues zu wagen und mich in Bewegung zu setzen. Das erfüllte mich mit Leben. Und nun musste ich dem Tod ins Auge sehen. Angst vor der Zukunft machte sich breit.

Je näher wir dem Grab kamen, desto bedrückender wurde die Situation für uns. Ich hatte das Gefühl, dass dieser Stein vor dem Grab mich fast erdrückte und mir die Luft zum Atmen und zum Leben nahm. Wie hätte mich da die Frage wundern sollen: Wer wird uns den Stein wegwälzen? Es war auch meine Frage, meine Frage nach dem Leben.

Können Sie unser Erschrecken verstehen, als wir sahen, dass der Stein bereits weg war? Von Erlösung und Befreiung, von Erleichterung keine Spur. So völlig unerwartet traf uns diese Tatsache. Das konnten wir nicht glauben. Der Mann in dem weißen Gewand, der uns freundlich einlud, nicht zu erschrecken, und uns mitteilte, dass der Leichnam, den wir suchten, nicht da sei, war uns da keine sonderlich große Hilfe. Es war nicht leicht, diese Botschaft an uns herankommen lassen - so befreiend sie auch war. Es war und bleibt so unglaublich. Genau das, wonach wir uns sehnten, war Realität geworden. Es war so schwer zu glauben, dass der Stein vor dem Grab weg sein sollte. Es war so schwer zu glauben, dass auch unsere zu Stein gewordenen, unsere versteinerten Ängste weg sein sollten.

Zunächst einmal flohen wir voller Entsetzen. Wir liefen weg.
Erst später begriffen wir:
Wir liefen weg vor uns selbst und unserer Begegnung mit dem Göttlichen.
Wir wollten den irdischen Jesus salben und griffen ins Leere. Das Leben, das den Tod besiegte, wollten und konnten wir nicht wahr-nehmen.
Heute glaube ich: es ist wahrhaftig wahr!
Wenn Gott ins Spiel kommt, ist auf einmal nichts mehr so, wie es war. Wenn Gott ins Spiel kommt, eröffnen sich neue und ungeahnte, ja unglaubliche Möglichkeiten. Wenn Gott ins Spiel kommt, wird Totes lebendig.

Es wird glaubhaft und wahr für mich immer dann, wenn das Leben in mir lebendig wird, das Jesus mir zeigt. Es wird glaubhaft und wahr, wenn ich darauf vertrauen kann: Der Stein ist schon weggerollt.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie erfahren dürfen, dass auch Ihr Stein sich bewegen lässt, dass er sich wegrollen lässt, dass Gott auch in Ihrem Leben wirkt.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie - so wie ich - erfahren dürfen,
dass Sie sich nicht allein aufmachen müssen,
dass es Menschen gibt, die mit Ihnen zu Ihren Gräbern gehen,
dass es Gleichgesinnte gibt, die Sie verstehen
und die den gleichen Weg vom Leben zum Tod
und vom Tod zum Leben mitgehen.

Ihre
Maria aus Magdala