Frauen aus Brasilien haben viele Steine auf ihrem Lebensweg zu bewältigen. Drei Beispiele, die uns Karin Stump, eine Pastoralreferentin aus unserem Bistum, die zur Zeit in Brasilien lebt und arbeitet, geschickt hat:
R. ist Tochter einer der "Hauptsäulen" der Gemeinde Nossa Senhora Aparecida in Porto Nacional. Sie hat ein Baby von sechs Monaten. Der Vater des Kindes hat sie verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Der Vater zahlt auch nicht mehr für das Kind, da er eine andere Frau hat, die auch schwanger ist, und so vegisst er seine erste Tochter. R. will nun ihr Recht vor Gericht einklagen. Zu der Verletzung, verlassen zu werden, kommen die enormen finanziellen Probleme und das leidige Rangeln um Rechte und die Bürokratie.
Sie sucht nun erneut eine Arbeit als Hausangestellte in Palmas, der Hauptstadt.
Das Kind ist niedlich und lebhaft, etwas mager. Aber für Obst und eine gute Ernährung reicht das Geld nicht. R. hat auch früh mit dem Stillen aufgehört, weil sie arbeiten musste und wenige Arbeitgeberinnen akzeptieren eine Hausangestellte mit Kind. So musste R. ihr Kind mit einem Babysitter zu Haus zurücklassen, um arbeiten zu gehen und die Miete, die Kinderbetreuung und das Essen bezahlen zu können.
Aber sie will auch nicht zurück nach Porto Nacional und mit ihrer Mutter zusammenwohnen. Sie liebt die Unabhängigkeit und die größeren Möglichkeiten, die Palmas bietet. Als ich sie zufällig auf der Straße treffe, sagt sie, dass der Kampf ums Überleben und um ihr Recht ein Stein ist, der schwer auf ihr lastet. - Wer wird den Stein wegrollen?
X. ist eine leitende Persönlichkeit in der Gemeinde und auch zur Vorsitzenden der Bewohnervereinigung gewählt. Sie hat massive Probleme zu Hause mit ihrem Ehemann. Er lässt sie kaum aus dem Haus gehen, ist eifersüchtig, da sie offenkundig eine Autorität im Stadtviertel und in der Gemeinde ist, phantasiert, dass sie über ihre Arbeit Kontakt mit anderen Männern hat.
Bei der Arbeit in der Bewohnervereinigung selbst hat X. auch viele Steine aus dem Weg zu räumen. Immer wieder gibt es Probleme, wenn z. B. der Präfekt verspricht, das Wasser und den Strom der Einrichtung zu zahlen, es aber nicht tut und so das Wasser abgestellt wird mit dem Resultat, dass kein Schulunterricht erteilt wird. Das hat sich in den letzten Monaten schon viermal wiederholt.
Mit diesen Schwierigkeiten und Steinen ist die Arbeit übersät, aber man kann nicht darauf warten, dass erst die Steine von anderen weggeräumt werden. Mit einer Hoffnung, die fast leichtsinnig erscheint, werden die nächsten Arbeiten in Angriff genommen, auch wenn man nicht weiß, wie es gehen soll. Das erinnert mich an die Frauen, die mit den Salben und dem Parfüm zum Grab gehen (Mk 16,1-8). Auch hier bleiben die Frauen fest in dem Willen, in Liebe und Solidarität etwas zu tun.
Manchmal ist da auch Angst vor der eigenen Courage - wie soll das nur klappen? - der Nähkurs, ohne dass die Finanzierung für die Lehrerin klar ist; der Computerkurs, ohne dass ein Lehrer gefunden ist. Lieber einen Schritt zurückgehen, oder mit Mut und Zuversicht vorangehen, die Ausschreibung, sei es auch nur für drei Monate, machen und hoffen, dass sich eine Lösung findet. Und zu meiner Überraschung, oft findet sich eine Lösung nach langen Durststrecken und zähem Ringen. Irgendwoher kommt eine finanzielle Unterstützung, eine Person, die hilft, eine Gruppe, die die Initiative ergreift, neue Möglichkeiten sind plötzlich da. Der Stein ist weggerollt, das Leben geht weiter, Schritt für Schritt.
Allein Gott wird die Steine unseres Lebens beiseite schaffen. - So folgern die Frauen aus dem Bibelkreis, den ich begleite. Die einfachen Frauen analysieren und meditieren nicht lange über den Bibeltext. Eine Frau erzählt sogleich ihre Geschichte, ausführlich, wenn auch in den heiklen Punkten nur andeutungsweise. Sie hatte einen Sohn, der nur herumhing, und sie fürchtete schon, er gerate auf krumme Wege. Aber dieser Stein wurde weggeommen von ihrem Herzen. Der Sohn wurde schließlich ein richtig guter junger Mann. Gott sei Dank! Ein anderer Sohn wurde ermordet. Eine Tochter wurde von ihrem Ex-Ehemann bedroht... Allein Gott wird die Steine unseres Lebens beiseite schaffen.
Die anderen Frauen bleiben still. Ja, es gibt viele Steine in ihrem Leben, aber darüber möchten sie nicht sprechen. Sie kommen zum wöchentlichen Bibelkreis, um Kraft zu schöpfen, den Glauben an Gott und das Gute zu stärken - inmitten all der Probleme des Alltags, die sie zu bewältigen haben.
Dies sind einige Geschichten von Steinen und Erfahrungen von Auferstehung aus dem Alltagsleben von Frauen hier. Die Erfahrung der Schwere der Steine, düstere, verschlossene oder zumindest unklare Lebensperspektiven erscheinen im Leben der Menschen hier zu überwiegen. Befreiungserfahrungen sind eher punktuell. Aber in ihrer Bedürftigkeit wissen sich Frauen auf Gott verwiesen - und setzen all ihren Glauben, all ihre Hoffnung auf ihn.
Mit einem Lied wird gegen die Steine des Lebens angesungen und ermuntert, die kleinen Hoffnungszeichen wahrzunehmen:
"Ich glaube an eine neue Welt, denn Christus ist auferstanden!
Ich sehe sein Licht im Volk, und deshalb bin ich froh.
In jeder kleinen Gabe, in der Kraft der Einheit, im Armen, der sich befreit, sehe ich Auferstehung.
In der Hand, die in der Befreiung ausgestreckt wird, ein neues Leben gebärend, sehe ich Auferstehung.
In den verschenkten Blumen und wenn Vergebung geschieht, in den mitgelittenen Schmerzen sehe ich Auferstehung.
Im Glauben der Leidenden, im Lachen meines Bruders, in der Stunde, in der er im Sterben liegt, sehe ich Auferstehung.
Ich glaube an eine neue Welt, denn Christus ist auferstanden!
Ich sehe sein Licht im Volk, und deshalb bin ich froh."
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